Der Gebärdenchor „Lautlos“ beim einsingen.

Mit den Händen singen

Susanne Eusterhus (55) singt in ihrer Freizeit im Gebärdenchor „Lautlos“. Aus ihrer Sicht ist das keine ehrenamtliche Tätigkeit. Dennoch kann man die Frage stellen, ob das aus gesellschaftlicher Perspektive auch wirklich stimmt.

„Unvoreingenommen auf Gehörlose zugehen“

„Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass ich kein Ehrenamt ausübe“, betont Susanne Eusterhus mit einigem Nachdruck. „Ich singe in einem Chor. Punkt.“ Allerdings ist sie aktives Mitglied in einem ganz besonderen „Gesangsverein“. Auch wenn man ihr die Brücke über den Inklusionsgedanken baut, weil sie als Hörende mit Gehörlosen zusammen probt und auftritt, bleibt Susanne Eusterhus bei ihrem Standpunkt. „Das ist doch eine Freizeitbeschäftigung, die mir viel Spaß macht.“ Daher spiele es für sie keine Rolle, ihr Hobby gemeinsam mit Menschen mit einer Behinderung auszuüben. „Man könnte höchstens sagen, dass ich andere motivieren möchte, unvoreingenommen auf Gehörlose zuzugehen“, sagt die sympathische Mutter von zwei Kindern und drei Enkelkindern.

Der Übergang zwischen Hobby und Ehrenamt ist fließend

Wer mit Susanne Eusterhus spricht, dem wird schnell klar, dass der Übergang zwischen einem Hobby, einer Freizeitbeschäftigung und bürgerschaftlichem oder ehrenamtlichem Engagement fließend ist. Es kommt auf die Definition an. Laut Wikipedia versteht man unter einem Ehrenamt „altruistisches Handel“, bei dem Einzelpersonen oder Gruppen freiwillige und unentgeltliche Arbeit leisten. Ehrenamtliches Engagement helfe sowohl den Nutznießern als auch den Freiwilligen.

Hörende und Gehörlose Seite an Seite

Wenn man diese gängige Definition zu Grunde legt, ist Susanne Eusterhus trotz all dem Spaß mit den „Sängern“ im Gebärdenchor „Lautlos“ durchaus ehrenamtlich aktiv. Denn ohne die Hörenden als Partner, könnten die Gehörlosen oder stark Hörgeschädigten ihrer Freizeitbeschäftigung nicht nachgehen. Wenn sich der Chor vor seinem Dirigenten Norbert Dormann im Halbkreis aufstellt, stehen immer Menschen mit und ohne Beeinträchtigung nebeneinander. So können sie sich jederzeit unterstützen.

Schwarze Kleidung und weiße Handschuhe

Es ist nicht nur ein akustisches sondern vor allem ein optisches Erlebnis, dem Chor bei der Arbeit zuzuschauen. Wenn beispielsweise Peter Maffays Song „Über sieben Brücken musst du geh‘n“ vom CD-Player abgespielt wird, gebärdet der Dirigent den Text vor. Dabei übersetzt er die Melodie des Liedes in Bewegungen. Dadurch haben alle „Sänger“ eine Orientierung, wo Pausen sind oder der Refrain beginnt. Wenn ein Lied eingeübt ist, sind alle synchron und die Gebärden passen genau zum Text. Da die Hände bei diesem „Gesang“ eine zentrale Rolle spielen, sind die Mitglieder des Chors bei ihren Auftritten überwiegend schwarz gekleidet und tragen weiße Handschuhe.

„Ich hatte Lust, eine weitere Fremdsprache zu lernen“

Zum Gebärdenchor „Lautlos“ hat Susanne Eusterhus über Umwege gefunden. Vor etwa acht Jahren hatte sie einfach Lust und Interesse, eine weitere Fremdsprache zu lernen. „Irgendwie bin ich dann auf die Gebärdensprache gekommen, weil ich gedacht habe, damit kannst Du Dich überall auf der Welt verständigen“, sagt sie. Allerdings habe sie schnell erfahren, dass das nicht stimmt. Die Grammatik sei von Land zu Land unterschiedlich, oft auch von Region zu Region wegen der verschiedenen Dialekte.

„Die Enkelkinder finden das spannend“

Gelernt hat Susanne Eusterhus die Gebärdensprache in Köln. Dort gibt die Schule „Loor Ens“, was auf kölsch „schau mal“ heißt. Über einen längeren Zeitraum hat sie dort das gesamte Kursangebot wahrgenommen und beherrscht nun seit einigen Jahren die seit 1980 anerkannte Deutsche Gebärdensprache. Ihre Familienangehörigen und die Bekanntenkreis hätten ihr Hobby „ganz witzig gefunden“. „Damit zu tun haben wollten sie aber nichts – außer die Enkelkinder, die finden das spannend“, freut sich die Gebärdendolmetscherin.

Susanne Eusterhus freut sich auf den nächsten Auftritt

Auf den ungewöhnlichen Chor ist sie über die Beratungsstelle für Hörgeschädigte des Kreises Gütersloh aufmerksam geworden. Seit einigen Jahren ist sie mit Begeisterung dabei. Der nächste öffentliche Auftritt findet auf dem Bürgertag am 16. September auf dem Dreieckplatz in Gütersloh statt. Darauf freut sich Susanne Eusterhus sehr – und hat immer noch Zweifel, ob sie wirklich ehrenamtlich tätig ist.